Clermont-Ferrand: Wie oft bin ich schon an der Hauptstadt der Auvergne vorbeigefahren, habe von Norden ihre Lage am Puy-de-Dôme bewundert, ihre Welterbe-Vulkanberge der Chaîne des Puys, habe Nationalstrassen und Autobahnen am Stadtrand gewechselt, die Werkshallen von Michelin gesehen, die Plattenbauten von Croix-de-Neyrat, waghalsige Strassenrennen am helllichten Tag erlebt, und habe gedacht: Okay, dann eben nicht. Aber etwas grummelte in mir.
Doch wohin zuerst: Clermont oder Montferrand? Beide Städte sind bereits seit 1630 miteinander verschmolzen – und haben doch ihr sehr unterschiedliches Aussehen bewahrt. In Clermont hatten bereits Kelten und Römer gesiedelt, ehe im 5. Jh. die erste Kathedrale dort gebaut wurde. Die Grafen der Auvergne indes liessen sich in Montferrand nieder und hatten von dort aus die kirchliche Macht gut im Auge.
Clermont
Die Place de Jaude ist der grösste Platz von Clermont und seit alters her der traditionelle Treff- und Versammlungsort und Ausgangspunkt für ausgiebiges Shopping. 1999 wurde er komplett verkehrsberuhigt. 2006 hielt hier die erste Strassenbahn. Seine Fassaden erzählen vom Glanz der Haussmann-Ära. Die Statue von Vercingetorix dokumentiert den Stolz der Arverner über den Sieg bei Gergovia.
Als die Tour de France 2023 gleich zweimal in Clermont gastierte, trug der Arverner-Fürst das gelbe Trikot und schwang die gelbe Flagge. Das Denkmal, das bis heute tief im Herzen der Einheimischen verwurzelt ist, schuf der Erbauer der New Yorker Freiheitsstatue, Frédéric Auguste Bartholdi. Eine zweite Statue stellt den General Desaix de Nanteuil dar.
Neben der Tramhaltestelle erhebt sich seit dem 17. Jahrhundert die Kirche Saint-Pierre-des-Minimes, die erst im 19. Jh. ihre Kuppel erhielt. An dem rechteckigen Platz hat die Regionalzeitung La Montagne ihren Sitz, unterhält seit dem 19. Jh. das Theater in der ehemaligen Tuchhalle und eröffnete im frühen 20. Jh. ein Warenhaus, das flugs den Spitznamen Les galeries de Jaude erhielt.
Kleiner und baumbestanden ist die Place de la Victoire mit ihrem Brunnen und den Terrassen-Cafés. In römischer Zeit befand sich hier das Forum der Stadt Augustonemetum. Zahlreiche Keller, unterirdische Gänge und eine römische Galerie, die unter dem Platz verläuft, zeugen davon.
Der heutige Place de la Victoire ist das Ergebnis einer grossen Säuberungsaktion nach der Französischen Revolution. Nicht nur der Palast der Bischöfe von Clermont, sondern das gesamte mittelalterliche Kathedralviertel wurde abgerissen, nachdem die kirchlichen Gebäude, die ursprünglich auf dem Platz standen, in Staatsbesitz übergegangen waren. Das Geburtshaus von Blaise Pascal befand sich direkt an den ehemaligen Bischofsgebäuden.
Nur die Kathedrale blieb erhalten. Aus schwarzem Vulkangestein erhebt sie sich und verbindet nüchterne, erdverbundene Romanik mit himmelstrebender Gotik. Ihre Buntglasfenster sollen angeblich aus derselben Werkstatt stammen wie jene faszinierenden Fenster der Pariser Sainte-Chapelle.
Die Cathédrale Notre-Dame-de-l’Assomption erhebt sich auf dem Gipfel eines Hügels, der das alte Zentrum von Clermont-Ferrand bildet – und genau an der Kreuzung verschiedener Straßen und Plätze aus dem Mittelalter. Steil führt die Rue des Gras vom Altstadtring zu ihr hinauf. Ihr Name leitet sich von La chareira de los Gras ab, dem Weg der Stufen im Okzitanischen und verweist auf den allmählichen Anstieg der Strasse und die Treppen im oberen Teil, die auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame de l’Assomption enden.
Von der Rue des Gras führen die Rue Saint-Barthélémy und die Petite-rue Saint-Pierre zur Place Saint-Pierre, dem Hauptmarkt von Clermont-Ferrand mit seiner Halle Gourmande, einer Markthalle aus dem Jahr 1985, deren Vorläufer bis ins Jahr 1873 zurückreichen. In der gleichnamigen Pfarrkirche, die sich einst auf dem Platz erhob, wurde Blaise Pascal am 27. Juni 1623 getauft. Schergen der Französischen Revolution zerstörten sie.
Zur Rue des Gras, der Petite-rue Saint-Pierre und teilweise auch zur Place Saint-Pierre findet ihr das Hôtel Fontfreyde. Das Renaissance-Palais aus dem 16. Jh. birgt heute ein sehenswertes Museum zur Fotografie, das nicht nur zeitgenössische Einzel- und Gruppenausstellungen zeigt, sondern auch das aktuelle kreative Schaffen mit Artist-in-Residence-Programmen unterstützt. Weitere Künstler könnt ihr in der Salle Gilbert-Gaillard an der Place Gilbert-Gaillard entdecken.
Montferrand
Montferrand war die Grafenstadt der Auvergne – und rivalisierte mehrere Jh. lang mit der Bischofsstadt Clermont. 1630 wurde es durch das Edikt von Troyes (erstes Unionsedikt) mit Clermont vereint. 1732 bestätigte Ludwig XV. die Zwangsehe mit einem zweiten Unionsedikt. Montferrand indes wollte seine Unabhängigkeit bewahren. Aber alle vier Anträge auf Trennung wurden abgelehnt.
Dochles mulets blancs (Weisse Maultiere), wie sie bereits in den 1820er-Jahren mit Spitznamen genannt wurden, fühlen sich bis heute als Montferrandais – und sind stolz auf ihre Stadt, die heute für viele der schönere Teil der Doppelstadt ist – mit Stadtpalais aus dem 13.-17. Jh. und malerischen Höfen entlang der Rue Kléber.
In der Mitte zwischen den beiden Städten liegt die „dritte Stadt“, das 1830 gegründete Reifenwerk des europäischen Marktführers Michelin. Hier lässt die Erlebnisausstellung L’Aventure Michelin die Firmengeschichte von Michelin mit Filmen, Fotos und Fahrzeugen lebendig werden. Sie ist zugleich eine unterhaltsame Zeitreise durch die Geschichte der Mobilität und des Strassenverkehrs. Gegenüber erhebt sich eine zweite Stätte, die ebenfalls eng mit dem Namen der Familien Michelin verbunden ist. Marcel Michelin war der Sohn von André Michelin, einem der Gründer des Reifenherstellers. Marcel Michelin war selbst ein begeisterter Sportler und vernarrt in Rugby. Im Jahr 1911 gründete er den firmeneigenen Rugby-Club und wurde dessen Präsident. Unter seiner Führung feierte der AS Michelin große Erfolge, gewann mehrere französische Meisterschaften und machte sich in der Sportwelt einen Namen. Das 1911 erbaute Stadion hiess ursprünglich Parc des Sports Michelin und wurde später zu seinen Ehren in Stade Marcel-Michelin umbenannt. 2006 – 2009 investierte der Verein mehr als 30 Mio. Euro in sein Heimstadion, versah es mit einem Panoramarestaurant, Seminarräumen und schuf die ASM Experience. Es ist Frankreichs einziger „Themenpark“, der ausschliesslich dem Rugby und dem Vereinsleben gewidmet. Bei einer Führung durch das Stadion könnt ihr auch einen Blick hinter die Kulissen werfen.